Der Widerstand der Rentenmärkte


Der befürchtete Rückschlag an den Rentenmärkten blieb (bislang) aus – und das, obwohl die Anleger gestern ausreichend Veranlassung gehabt hätten, die Rallye der vergangenen Tage am Anleihemarkt zu hinterfragen. Insbesondere Äußerungen des Fed-Vertreters James Bullard, wonach Modellberechnungen ein Leitzinsniveau von bis zu 7% für angemessen anzeigten, wurden von den Anlegern mit bemerkenswerter Gelassenheit aufgenommen. Die Haushaltspläne der neuen britischen Regierung verursachten etwas Druck im dortigen Rentenmarkt, ein Überschwappen auf den Bundmarkt war aber nicht zu erkennen. Heute wird wieder die Europäische Zentralbank in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Zum einen wird Notenbankpräsidentin Christine Lagarde (neben anderen EZB-Vertretern) auf einem Bankenkongress eine Keynote halten, zum anderen wird die Notenbank bekanntgeben, wie hoch die Rückzahlungsbeträge aus den TLTRO-Geschäften sind, welche die Geschäftsbanken der Eurozone per Sonderkündigungstermin leisten werden.

Man kommt nicht umhin, immer und immer wieder auf die amerikanischen Inflationszahlen zu verweisen, um die neue Stabilität am Rentenmarkt zu erklären. Vor mittlerweile mehr als einer Woche überraschten die Verbraucherpreisdaten in den USA mit einem geringer als erwarteten Anstieg, und seither zeigen sich die Anleihemärkte von ihrer freundlichen Seite. Anfang dieser Woche untermauerten die Zahlen zur Entwicklung der Preis auf Ebene der Produzenten den Eindruck, die Vereinigten Staaten hätten den Inflationsgipfel hinter sich gelassen und befänden sich nun auf dem Pfad der Disinflation – einer Phase positiver, aber fallender Inflationsraten.

Nahezu sämtliche Notenbankvertreter warnen, die Inflationsgefahr sei mit diesen positiv überraschenden Datenpaketen noch nicht gebannt, und weitere geldpolitische Straffungsschritte der Fed seien erforderlich. An den Rentenmärkten verfangen diese Warnungen dieser Tage aber so gut wir überhaupt nicht. Einer der prononciertesten Vertreter im Lager der geldpolitischen Falken innerhalb der Fed, James Bullard, bereicherte die Diskussion um das erforderliche Ausmaß geldpolitischer Straffung gestern um eine neue Nuance. Modellberechnungen hätte Bullard zufolge gezeigt, dass das angemessene Leitzinsniveau in den USA im Bereich von 5-7% liegen würde. Aktuell steht der Leitzins bei 4%. Bullard selbst leitete hieraus die Forderung ab, der Leitzins solle mindestens bis auf 5,25% angehoben werden, womit er seine persönliche Zielmarke um 0,25% nach oben schraubte. In einem Umfeld nervöser Rentenmärkte hätte ein solcher Vortrag möglicherweise zu einem Ausverkauf geführt. Es gab gestern zwar eine Marktreaktion, diese war, gemessen an dem, was wir in diesem Jahr schon erlebt haben, geradezu vernachlässigbar. Die 10J UST-Rendite kletterte im Tagesverlauf von niedrigem Niveau aus in der Spitze um 10 Bp, schwächte sich dann wieder ab und befindet sich auch heute früh wieder im Rückzugsmodus. Ansteckungseffekte auf den Bundmarkt, wo die 10J-Rendite mit einem Plus von lediglich 2 Bp aus dem Handel ging, waren so gut wie gar nicht zu erkennen.

Grundsätzlich begrüßen wir die „neue Stabilität“ an den Rentenmärkten natürlich. Was das Niveau der Staatsanleiherenditen betrifft, sehen wir nach den Rückgängen der vergangenen anderthalb Wochen für die kommenden Monate jedoch nur wenig Spielraum nach unten. In unserem gestern veröffentlichten Ausblick für das Jahr 2023 unterstreichen wir die Einschätzung, wonach der nächste Renditetrend wieder nach oben gerichtet sein dürfte. Allerdings – die Renditehochs von 4,30% in 10J US Treasuries (aktuell 3,75%) und 2,50% in 10J Bunds (aktuell 2,00%) werden wir wohl nicht mehr erreichen. Die Fed dürfte ihren Leitzins bis Ende des ersten Quartals bis auf 5,00% anheben, die EZB den Einlagesatz bis auf 2,75% (aktuell 1,50%). Die Rufe nach Leitzinssenkungen dürften im weiteren Verlauf des Jahres bei rückläufigen Inflationsraten lauter werden und zu einer länger andauernden Phase wieder fallenden Renditen führen.

Im Tagesgeschäft erfahren wir heute, wie viele Gelder die Geschäftsbanken aus den TLTRO-Geschäften zurückzahlen werden. Die EZB hatte die Konditionen für diese Geschäfte, im Rahmen derer mehr als zwei Billionen Euro ausgereicht wurden, auf ihrer Oktober-Sitzung modifiziert und für die Geschäftsbanken unattraktiver gemacht. Infolgedessen ist es durchaus möglich, dass heute die Rückzahlung von rund einer Billion Euro angekündigt wird – in der aktuell robusten Verfassung der Zinsmärkte besteht aber eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass dies niemanden überraschen würde…

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