Short Squeeze oder Trendwende?


Was ist das jetzt? Eine „Bärenmarktrallye“? Ein „Dead Cat Bounce“? Ein „Short Squeeze“? oder doch die “Trendwende”? Die Anleger rätseln, wie sie die jüngsten Marktbewegungen einordnen sollen. Um rund 6% sind die Aktienindizes von ihren Tiefs emporgeschnellt, die Staatsanleiherenditen sind teilweise um mehr als 50 Bp gefallen, der US Dollar hat sich um mehr als 3% abgeschwächt. Inwieweit sich die Stimmungserholung heute fortsetzen wird, darüber geben die frühen Marktindikationen gemischte Signale. Die Aktien-Futures sind im Minus, die UST-Renditen kaum verändert und EUR-USD etwas leichter. Heute gilt der Fokus vor allem einem Treffen der OPEC+ Staaten, auf welchem Agenturmeldungen zufolge um eine Kürzung der Fördermengen um 1-2 Millionen Barrel pro Tag gerungen wird.

Die aktuelle Marktepisode erinnert frappierend and die Kurskorrekturen im Sommer. Zwischen Mitte Juni und Anfang / Mitte August legten die Aktienmärkte eine ansehnliche Sommerrallye hin, und die UST- und Bundrenditen gingen teils um mehr als 100 Bp zurück. Rezessionsängste hatten sich breitgemacht und mit ihnen die Erwartung eines deutlich zurückhaltender ausfallendenden geldpolitischen Straffungszyklus. Heute wissen wir diese Phase einzuordnen. Sie war letztlich nicht mehr als eine Episode in einem sich anschließend fortsetzenden Abwärtstrend der Aktien- und Anleihekurse.

Ein bedeutender Unterschied zwischen der Episode im Sommer und der jüngsten Markterholung findet sich in der Bewegung des US Dollar. Zwischen Mitte Juni und Mitte August driftete der Dollar-Index (DXY) insgesamt seitwärts, EUR-USD tendierte sogar schwächer und rutschte im Juli erstmals seit langem unter die Parität. Am aktuellen Rand hingegen gab DXY fast 4% nach, und EUR-USD kletterte rasant von einem Tief knapp oberhalb von 0,95 bis auf eine Spitze von exakt 0,9999 gestern Abend. Freilich muss man einräumen, dass die Devisenmärkte Anfang vergangener Woche teils extreme Niveaus angenommen hatten, es wimmelte ja nur so von „Mehr-Dekaden-Hochs“ und „Allzeit-Tiefs“. Insofern erscheint die im Vergleich zum Sommer aktuell deutlich prononciertere Kurskorrektur in den Devisenmärkten angemessen.

Naturgegebenermaßen halten sich die Marktteilnehmer dahingehend zurück, die jüngste Stimmungserholung als „Wende“ zu bezeichnen. Niemand möchte heute früh behaupten, „Die Wende ist da!“, um möglicherweise nur wenige Stunden später vom Marktgeschehen eines Besseren belehrt zu werden. Was es am aktuellen Rand besonders schwierig macht, eine Fortschreibung der Stimmungserholung zu erwarten, ist das Fehlen eines markanten fundamentalen Auslösers. Ja, wir hatten die hinter den Erwartungen zurückgebliebene Zinsanhebung in Australien gestern früh (25 Bp statt 50 Bp). Und ja, wir hatten auch einen nennenswerten Rückgang um 1,1 Millionen bei den offenen Stellen in den USA, gestern berichtet im sog. JOLTS-Report. Das sind vorsichtige Hinweise auf einen sich eintrübenden amerikanischen Arbeitsmarkt (siehe gestern: „Bad news are good news“). Aber die wesentlichen Parameter haben sich noch nicht geändert: Der Inflationsdruck bleibt, auch und insbesondere in den Kernraten, hoch. Und vor allem lassen die Vertreter von Fed und EZB in ihren hawkishen Äußerungen kein bisschen nach. Und wo wir über Zentralbanken sprechen: Die Notenbank in Neuseeland hat ihren Leitzins heute früh wie erwartet um 50 Bp angehoben, dabei sogar eine Anhebung um 75 Bp diskutiert und weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt. Unter Abwägung all dieser Faktoren kommen wir zu dem Schluss, dass wir die jüngste Stimmungserholung an den Märkten nicht als „Wende“ bezeichnen, sondern stattdessen Erklärungen wie „Short Squeeze“ heranziehen sollten.

Eckpunkte des heutigen Tages werden der ADP-Report in den USA und ein Treffen der OPEC+ Staaten sein. Diese planen angeblich eine Kürzung der Fördermengen um bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag. Da etliche Förderländer ihre bisherigen Quoten jedoch ohnehin nicht erreichen, dürfte die effektive Förderkürzung deutlich geringer ausfallen. Der Ölpreis zeigt sich aber dennoch sensibel, Brent stieg in den vergangenen zwei Tagen von 88 USD/bbl auf rund 92 USD/bbl. Ob dies die Wende im zuletzt vier Monate andauernden Abwärtstrend des Ölpreises ist?

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