Märkte im Linksverkehr


Die neue Regierung im Vereinigten Königreich hat am Freitag ein umfangreiches Maßnahmenbündel vorgestellt, mit dem sie darauf abzielt, die Belastungen durch den Anstieg der Energiepreise abzufedern und das Trendwachstum der britischen Volkswirtschaft zu erhöhen. Die Marktteilnehmer sehen die Pläne sehr skeptisch. Das Britische Pfund fiel gegenüber dem US Dollar auf ein Allzeittief, und die Gilt-Renditen stiegen seit Freitag um bis zu 90 Bp an. Diese Entwicklungen schwappten auf andere Regionen über. EUR-USD fiel auf ein neues Jahrestief, und die Bundrenditen stiegen ebenfalls kräftig an. Die Aktienmärkte setzten in diesem Umfeld ihre Talfahrt fort. Heute früh sehen wir erneut einen festen US Dollar und schwache Anleihemärkte, wenigstens die Aktienmärkte präsentieren sich etwas freundlicher. Mehr als sechzig Vertreter von Fed, EZB und BoE haben in dieser Woche öffentliche Auftritte, gleichzeitig könnten die Inflationsraten in Deutschland und der Eurozone auf rund 10% steigen. Anhaltend hawkishe Rhetorik dürfte das Marktbild insgesamt sehr angespannt halten.

Als wäre das gesamtwirtschaftliche Umfeld aus anhaltend hohen Inflationsraten und trüber werdenden Konjunkturaussichten nicht schon anspruchsvoll genug – jetzt kämpfen die Anleger auch noch mit einer Vertrauenskrise gegenüber Großbritannien. Die neue Regierung hatte am Freitag Steuersenkungen im Umfang von rund 161 Mrd. Pfund (berechnet auf die nächsten fünf Jahre) angekündigt. Darüber hinaus wurden Maßnahmen zur Entlastung bei den Energiekosten vorgestellt, die den Staat in den nächsten sechs Monaten nach Angaben des Schatzkanzlers Kwasi Kwarteng rund 60 Mrd. Pfund kosten dürften. Letzteres dürfte den Preisdruck in Großbritannien zwar kurzfristig dämpfen, das gesamte Maßnahmenpaket wird jedoch als inflationstreibend betrachtet. Die Anleger erwarten nun eine Serie weiterer Leitzinsanhebungen bis auf Niveaus jenseits von 5%. Nach der jüngsten Anhebung von letzter Woche steht der Leitzins der Bank of England erst bei 2,25%. Erste Stimmen im Markt rechnen mit einem Zinsschritt bereits vor der nächsten regulären BoE-Sitzung Anfang November.

Normalerweise würde man erwarten, dass die Aussicht auf stark steigende Leitzinsen die heimische Währung stützt. Wie viele andere Währungen hatte das Britische Pfund gegenüber dem US Dollar in den vergangenen Wochen und Monaten ja kräftig Federn gelassen. Statt einer GBP-Erholung sehen wir allerdings das Gegenteil: Das Pfund fällt gegenüber dem Greenback von Kursen um 1,12 bis heute früh um fast zehn Prozent auf ein neues historisches Allzeittief von 1,0350. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen zeigt sich wenigstens eine kleine Erholung zurück auf Kurse um 1,07. Das Bild einer fallenden Währung bei steigenden Renditen wird gemeinhin mit Schwellenländern assoziiert. Dass wir eine solche Kombination für Großbritannien sehen, kann als Misstrauensvotum der Anleger gegenüber der neuen Regierung in London gewertet werden.

Ein zweites Sonderthema neben Großbritannien ist der Ausgang der Parlamentswahlen in Italien. Das Wahlergebnis entspricht alles in allem den Erwartungen und dürfte an den Märkten insgesamt neutral aufgenommen werden. Während des Wahlkampfs hatte die designierte neue Premierministerin Giorgia Meloni beruhigende Botschaften zur Fiskalpolitik und zum Verhältnis Italiens zur EU gesendet. Die Anleger werden nun sicherlich einige Zeit brauchen, um einschätzen zu können, ob nach der Wahl ähnliche Signale ausgesendet werden.

Fundamental bekommen die beiden Hauptthemen „Inflationssorgen“ und „Rezessionsängste“ in dieser Woche wahrscheinlich neue Nahrung. Die Inflationsrate in Deutschland und der gesamten Eurozone dürfte im September an der 10%-Marke kratzen, gleichzeitig dürften der Ifo Index und das GfK Konsumklima weitere Rückgänge verbuchen. Begleitet werden wir in dieser Woche von mehr als sechzig öffentlichen Auftritten von Vertretern der Fed, der EZB und der BoE. Höchstwahrscheinlich ist jetzt noch nicht die Zeit gekommen, um von den Notenbankern zurückhaltendere Töne im Kampf gegen die Inflationsrisiken zu erwarten. Das Gesamtumfeld bleibt damit für alle Marktsegmente sehr herausfordernd…

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