Anleger blicken angespannt nach Taiwan


Ein akutes geopolitisches Thema hat über Nacht die Märkte erfasst und sorgt für eine – bislang noch moderate – Rückkehr der Risikoaversion. Die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, befindet sich auf einer Asien-Reise und wird verschiedenen Quellen zufolge heute am frühen Nachmittag europäischer Zeit in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans erwartet. Die Führung in China lehnt einen solchen Besuch ab und hat mit Konsequenzen gedroht. Jenseits dieser Entwicklungen setzen die Anleger die Nachlese der jüngsten Konjunkturindikatoren fort. Unter dem Strich führen abnehmende Erwartungen über das Ausmaß an Leitzinsanhebungen zusammen mit Safe-Haven-Bewegungen zu einem deutlichen Rückgang der Renditen.

Ein bedeutender Moment für die Entwicklung der Finanzmärkte in diesem Sommer war am vorvergangenen Freitag die Veröffentlichung der vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für Deutschland, Frankreich, die Eurozone und die USA. Der Einkaufsmanagerindex (Purchasing Manager Index, PMI), entspringt einer monatlichen Umfrage, in welcher Verantwortliche in der Einkaufsabteilung von Unternehmen ihre Einschätzung dahingehend abgeben, ob sich die Geschäftsbedingungen verbessern, verschlechtern oder insgesamt gleichbleiben. Für die oben genannten Mitgliedsstaaten der Eurozone zeigte die vorläufige Auswertung der Juli-Umfrage insbesondere in der Industrie eine deutliche Verschlechterung des Geschäftsumfelds, in den USA war es eher der Dienstleistungssektor, der das Geschäftsumfeld skeptischer als im Vormonat beurteilte. Gestern wurden die endgültigen Werte für jene und weitere Eurozonen-Staaten sowie für viele weitere Länder rund um den Globus veröffentlicht. Der Eindruck einer sich abkühlenden Konjunktur wurde eindrucksvoll bestätigt. In der Eurozone lag der Index für den Industriesektor in fast allen Ländern unter der kritischen Schwelle von 50, die in der Konstruktion des PMI eine Abgrenzung zwischen Schrumpfungs- und Wachstumstendenzen ausweisen soll. Das weltweite PMI-Aggregat fiel um 1,1 Punkte auf ein Zweijahres-Tief.

Mit Veröffentlichung dieser Daten erhielten die schon zuvor obwaltenden Rezessionsängste neue Nahrung. Vor allem die Erwartungen der Anleger über das Ausmaß der in den kommenden Monaten zu erwartenden Leitzinsanhebungen durch die Fed und die EZB wurden deutlich zurückgenommen. Mit Blick auf die nächsten 6-9 Monate preisen die Geldmärkte in den USA nun 20-25 Bp, in der Eurozone sogar mehr als 40 Bp weniger an Zinsanhebungen als vor anderthalb Wochen ein. Mit der Aussicht auf einen flacheren Zinsanhebungszyklus gingen auch die Kapitalmarktrenditen zurück. Die 10J UST-Rendite notiert heute früh bei 2,55% und damit 35 Bp niedriger als vor Veröffentlichung der PMI-Zahlen, die 10J Bundrendite sogar rund 45 Bp niedriger bei 0,73%. Kurz nach Ankündigung der Anhebung der Leitzinsen in der Eurozone um 50 Bp am 21. Juli war die 10J Bundrendite noch bis auf 1,38% geklettert. Ein Renditerückgang um mehr als 60 Bp in den ersten Tagen eines Zinsanhebungszyklus dürfte historisch einen Sonderfall darstellen. Aber er belegt eine Situation, auf die wir vor allem auch in unserer Videoreihe Blickpunkt Zins hingewiesen hatten: Es sei durchaus vorstellbar, dass die Kapitalmarktrenditen fallen, während gleichzeitig die Europäische Zentralbank die Leitzinsen anhebt. In der aktuellsten Episode gehen wir der Frage nach, wie sich die EZB angesichts zunehmenden Inflationsdrucks und sich parallel dazu eintrübender Konjunkturaussichten verhalten sollte und wie sie sich vermutlich verhalten wird. Die entsprechenden Episoden zum Blickpunkt Zins sind abrufbar auf der YouTube-Plattform hier und hier. Spoiler: Die EZB sollte die Leitzinsen weiter anheben, und wir erwarten, dass sie dies auch tun wird.

Das heutige Tagesgeschäft dürfte jenseits der PMI-Nachlese von geopolitischen Entwicklungen bestimmt werden. Der mögliche Besuch von Nancy Pelosi in Taiwan dürfte die Anleger vorerst bremsen, ihre Engagements in Risky Assets auszuweiten. Die Aktien-Futures handeln in den USA und in der Eurozone rund ein halbes Prozent schwächer, und die Staatsanleiherenditen rutschen weiter ab. Da die USA unmittelbar in diese geopolitischen Entwicklungen eingebunden sind, spielt nicht der USD, sondern der JPY seinen Status als Sicherer Hafen aus. Insgesamt bleibt einfach nur zu hoffen, dass die verantwortlichen politischen Entscheidungsträger wie auch die Marktteilnehmer einen kühlen Kopf bewahren werden.

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