RWE – vor Comeback!


Knapp 90 Prozent Wertverlust in acht Jahren und erstmals nach 60 Jahren wurde dann auch noch die Dividende gestrichen: „Das übertrifft meine schlimmsten Alpträume“, sagte der Stadtkämmerer Lars Martin Klieve (CDU) vor rund einem Jahr gegenüber dem Handelsblatt. Im Frühjahr 2016 hatte die Stimmung und der Aktienkurs einen echten Tiefpunkt erlebt. Die Stimmung hat inzwischen jedoch deutlich gedreht. Im laufenden Jahr führt die Aktie von RWE mit einem Plus von rund einem Drittel die Gewinnerliste im DAX®  sogar aktuell an.

„Es herrscht bei uns wieder Auf-bruchsstimmung“, erklärte RWE-Chef Rolf-Martin Schmitz Anfang des Jahres gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“.  Von Euphorie will zwar noch keiner reden, es konnten jedoch in den zurückliegenden Monaten eine Reihe von Baustellen abgearbeitet und bei anderen Problemfeldern Licht ins Dunkel gebracht werden.

Einer der großen Krisenherde bei RWE stellte die Atomkraft dar. Dass im Rahmen der Energiewende die Atomkraftwerke schrittweise abgeschaltet werden, ist längst bekannt. Offen war lange Zeit welche Kosten auf die Betreiber zukommt. Im Winter wurde das Gesetz über die Nuklearhaftung verabschiedet. Damit ist der Abbau und die Entsorgung der Atommeiler sowie deren Kosten geregelt. Per 31. Dezember 2016 hat RWE 13,7 Mrd. Euro für die Stilllegung von Kraftwerksanlagen, die Entsorgung von Kernbrennelementen und die Entsorgung radioaktiver Betriebsabfälle zurückgestellt. Zum 1. Juli 2017 wird nun RWE 6,8 Mrd. Euro in den staatlichen Atomfonds zur Finanzierung der Endlagerung überweisen. Damit sind den Spekulationen der vergangenen Jahre über die Höhe der Belastungen ein Ende gesetzt. Nun können die Konzernführung und die Anteilseigner wieder besser kalkulieren.

Das zweite Highlight für RWE im vergangenen Jahr war der Börsengang der Ökotochter Innogy. Darin bündelte RWE die Geschäfte mit Ökostrom, Strom- und Gasnetzen sowie den Vertrieb von Strom und Gas.

Im Rahmen des Börsengang reizte RWE die Preisspanne vollständig aus und erhielt rund drei Milliarden Euro für den Schuldenabbau. Innogy versprach derweil 70 bis 80 Prozent des bereinigten Nettoergebnisses als Dividende auszuschütten. RWE kann sich also über einen weiteren Geldregen freuen. Spekulationen über den Verkauf der übrigen Innogy-Anteile stimulierten den Aktienkurs zuletzt ebenfalls. RWE dementiert hingegen entsprechende Verkaufspläne.

Sparen und expandieren

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Jetzt geht es darum, auf dieser solidien Grundlage RWE weiter zu entwickeln. Unser Geschäftsmodell dreht sich um das Thema Versorgungssicherheit“, erklärte Schmitz bei der Vorlage der Geschäftszahlen 2016 Mitte März. Zwar werden die Dividenden von Innogy zunächst eines der größten Einnahmequellen von RWE bleiben. Gleichzeitig sollen jedoch Wachstums-chancen genutzt werden.

Eines der Wachstumfelder ist Schmitz zufolge der globale Energiehandel. Dazu wurde kürzlich der niederländische Strom- und Gasanbieter Essent Trading übernommen. Damit stieg das Strom-handelsvolumen von RWE um rund 225 TWh auf 1.425 TWH sowie Gas um rund 13 Mrd. m3 auf dann 53 Mrd. m3 und der Kohlehandel um 100 Mio. Tonnen auf dann 230 Mkio. Tonnen deutlich an. Das Geschäft mit Drittkunden will RWE Supply & Trading mittel- bis langfristig verdoppeln und das internationale Handelsgeschäft weiter ausbauen.

Wichtigstes Standbein bleibt zudem die Energieerzeugung mit Atom, Gas- und Kohlekraftwerken. RWE verfügt über einen Kraftwerkspark von rund 40.000 Megawatt und ist damit einer der größten Stromproduzenten Europas. Dass die Kapazitäten durch die schrittweise Stilllegung der Atommeiler zurückgefahren werden ist bekannt. Dennoch verfügt RWE über reichlich Masse, um den Betrieb der Kraftwerke zu optimieren. Zudem könnte die schrittweise Abschaltung von Kraftwerken die Strompreise mittelfristig stützen. Unabhängig von Preisspekulationen hat Schmitz bei RWE Generation jedoch den Rotstift längst angesetzt. Bis 2020 sollen insgesamt 2.300 Stellen gestrichen werden, um damit den Preisverfall teilweise aufzufangen und die Rentabilität zu steigern. Nach Angaben von Thomson Reuters stuft ein Großteil der Analysten die Aktie mehrheitlich als haltens- oder gar kaufenswert ein. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8,8 ist das Papier günstiger bewertet als der Sektordurchschnitt.

Vorsicht geboten

Frei von Risiken ist das Papier dennoch nicht. So ist eine nachhaltige Wende der Strompreise noch nicht in Sicht. Niedrige Strompreise drücken auf die Gewinnmarge. Auch charttechnisch zeigt sich die Aktie robust. Die Ende vergangenen Jahres gestartete Rally brachte die RWE-Aktie auf das Hoch aus dem vergangenen Jahr. Gelingt es, die Marke von EUR 16 zu überwinden, besteht mittelfristig die Chance auf die Fortsetzung des Aufwärtstrends bis in den Bereich von EUR 20 (200-Wochenhoch). Auf der Unterseite findet die Aktie zwischen EUR 13,70 (50-Wochenhoch) und EUR 14,50 eine solide Unterstützung. Größere Verkauf gibt es möglicherweise erst unterhalb dieser Zone.

Zudem ist RWE der größte Kohlekraftwerkbetreiber in Deutschland. Bei einem politischen Wechsel im Herbst könnte nach der Atomkraft nun die Kohle ins Visier der Politiker geraten. Einem Beitrag auf RP online zufolge, plant die Grünen-Partei den Kohleausstieg. „Wir wollen schon zu Beginn der nächsten Legislaturperiode den Ausstieg aus den 20 schmutzigsten Kohle-Kraftwerken“, erklärte Grünen-Fraktionsvorsitzener Anton Hofreiter. Dies könnte die Aktie uner Druck bringen.

RWE; Wochenchart (1 Kerze = 1 Woche)

Betrachtungszeitraum: 12.04.2013 – 11.04.2017. Historische Betrachtungen stellen keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Entwicklungen dar. Quelle: tradingdesk.onemarkets.de

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Autor: Richard Pfadenhauer

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