Erneute Wende am Rentenmarkt?


Wenn es gut läuft, wird der Taiwan-Besuch der amerikanischen Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi die Finanzmärkte nur für wenige Stunden beeinflusst haben. Schon im Verlauf des gestrigen Nachmittags dominierte mit der Frage nach dem Ausmaß der Fed-Zinsanhebungen ein anderes, den Anlegern wohl bekanntes Thema das Handelsgeschehen. Einige öffentliche Auftritte von Fed-Vertretern könnten heute den Eindruck von gestern bestätigen, wonach die amerikanische Zentralbank weit davon entfernt sei, ein Ende der Zinsanhebungen ins Auge zu fassen. Ebenfalls von großem Interesse werden heute Aktivitätsindikatoren für die Dienstleistungsbranche sein, insbesondere in den USA. Insgesamt zeigen sich die Aktienmärkte widerstandsfähig, die Rentenmärkte unschlüssig und der US Dollar gut erholt.

Die Frage nach dem Status Taiwans ist alles andere als neu, war aber in den vergangenen Jahren selten ein Thema, an welchem sich die Anleger in den Finanzmärkten aufrieben. Mit dem Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, hatte es den Anschein, als könnte sich für die Marktteilnehmer ein akutes Krisenthema zusammenbrauen. Gestern früh suggerierten die Kursbewegungen ein konsistentes Bild erhöhter Vorsicht. Nachmittags zwischen 15 und 16 Uhr, und damit bereits rund zwei Stunden vor der Ankunft Pelosis, löste sich die Anspannung der Anleger. Forciert von hawkish klingenden Äußerungen einiger Fed-Vertreter koppelte sich vor allem der Rentenmarkt von jeglichen Krisenüberlegungen ab, und die gesamte US Treasury-Kurve schob sich um über 20 Bp nach oben. Im 5J-Segment betrug die Handelsbandbreite der Rendite zwischen dem Tagestief und dem Tageshoch nicht weniger als 30 Bp – das ist für einen Tag ohne auffallende Datenveröffentlichungen oder außergewöhnliche Äußerungen von Notenbankvertretern eine bemerkenswert breite Spanne.

Die Renditebewegungen am UST-Markt verdienen einen genaueren Blick: Mit Beginn des Jahres setzten die UST-Renditen, startend bei 1,50% im 10J-Bereich, ihren Höhenflug an („Zinswende“). Bis Mitte Juni dominierte an den Rentenmärkten nahezu ausschließlich das Doppel-Thema „Inflationssorgen & Zinsanhebungserwartungen“. Die 10J-Rendite stieg dabei um exakt 200 Bp bis auf 3,50%. Mitte Juni, als die Gaslieferungen nach Europa reduziert wurden und die Fed ihren ersten 75-Bp-Zinsanhebungsschritt ankündigte, übernahmen Rezessionsängste, das Zepter. Die 10J-Rendite fiel bis gestern Vormittag um exakt 100 Bp bis auf 2,50% zurück („Zinswendewende“). Am Nachmittag nun der Anstieg in den Bereich von 2,70-2,75% – ist dies der Beginn eines neuen Trends („Zinswendewendewende“) oder lediglich eine vorübergehende Gegenbewegung?

Tatsache ist, dass etliche Vertreter der Fed auch angesichts offensichtlicher konjunktureller Schwächesignale keinen Millimeter von ihren Zinsanhebungsvorhaben abrücken wollen. Der Fokus bleibt klar auf die Bekämpfung der Inflationsrisiken gerichtet. „Wir sind weit davon entfernt, mit unserer Arbeit zur Bekämpfung der Inflation fast fertig zu sein.“, sagte gestern Mary Daly (San Francisco Fed). „Ein Leitzinsniveau von 3,75% bis 4,00% Mitte nächsten Jahres dürfte angemessen sein.“, ergänzte Charles Evans (Chicago Fed), der normalerweise als geldpolitische Taube bekannt ist. „Wir haben noch nichts gesehen, das auch nur ansatzweise auf eine Abschwächung der Inflation hindeutet.“, klagte Loretta Mester (Cleveland Fed). „Eine Rezession wird es nicht geben.“, zeigte sich James Bullard (St. Louis Fed) überzeugt. Für heute stehen eine Reihe weiterer Auftritte von Fed-Offiziellen auf der Agenda. Die Märkte schieben den erwarteten maximalen Leitzins zwar etwas nach oben (über 3,50%), bleiben aber davon überzeugt, dass es bereits im kommenden Jahr mehrere Leitzinssenkungen geben wird.

Auf dem Datenkalender stehen heute die PMIs für den Dienstleistungssektor in der Eurozone und in den USA sowie der artverwandte US-Services-ISM-Index. Die Frage ist, ob sich die Schwächetendenzen, insbesondere in den USA, aus den vorläufigen Daten bestätigen werden. Aktien starten behauptet, Renten etwas fester in den Handel, und EUR-USD rutscht wieder unter 1,02, da der US Dollar mit dem gestrigen Renditeanstieg neuen Rückenwind erhält. Das Taiwan-Thema scheint die Märkte derweil schon wieder verlassen zu haben…

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