Rentenmarkt in Harmonie mit Fed- und EZB-Plänen


„Durchwachsen“ und „trendlos“ sind fürderhin keine Attribute, die einen Marktbeobachter vom Hocker reißen würden. Im gegenwärtigen Marktumfeld wirkt es aber schon beruhigend, wenn die Kursentwicklungen mal nicht mit „sehr schwach“ oder „kurzzeitige Erholung“ umschrieben werden müssen. Renten- und Aktienmärkte fanden gestern jedenfalls keine klare Richtung. Gleichzeitig werden die Stimmen derjenigen lauter, die vermuten, wir hätten an den Aktienmärkten die Tiefs und bei den Renditen die Hochs möglicherweise bereits hinter uns gelassen.

Der STOXX Europe 600 ging gestern mit minimalen Gewinnen, der S&P 500 mit leichten Verlusten aus dem Handel. Insgesamt bot der Wochenauftakt an den Aktienbörsen wenig Aufschluss darüber, ob wir in den nächsten Tagen eine Fortsetzung der schwachen Märkte oder möglicherweise den Beginn einer kräftigen Kurserholung sehen würden. Für heute sieht es zunächst nach etwas deutlicheren Kursgewinnen aus. Die positive Marktstimmung aus Asien schwappt auf die westlichen Märkte über. Es gibt Meldungen, wonach in Shanghai die Corona-Beschränkungen gelockert werden würden. Nach den sehr schwachen Aktivitätszahlen, die gestern früh für China berichtet wurden, wäre ein Abebben der Lockdown-Maßnahmen genau die richtige Entwicklung, um den Konjunkturausblick wieder in etwas rosigeren Farben sehen zu können.

Am Rentenmarkt hat es derweil den Anschein, als würden sich die Renditen auf ihrem jetzt erreichten Niveau von grob 3% (10J USTs) beziehungsweise etwa 1% (10J Bunds) einnisten. Um mehr als 100 Basispunkte waren die Renditen in den Monaten März und April gestiegen. Anfang vergangener Woche wurden bei 3,20% bzw. knapp 1,20% die Spitzenwerte erreicht. Aktuell notieren 10-jährige Treasuries bei 2,90% und 10-jährige Bunds bei knapp 1,00%. Alles in allem entsprechen die aktuellen Renditeniveaus in den USA jenen von vor einem Monat, hierzulande handeln wir rund 10 Bp höher. Der steile Aufwärtstrend ist aber ganz offensichtlich zum Erliegen gekommen.

Hintergrund ist offenbar, dass sowohl in den USA wie auch in der Eurozone seit einiger Zeit ein Leitzins-Anhebungspfad eingepreist ist, der – gemessen an den Verlautbarungen aus der Fed und der EZB – ziemlich genau den geldpolitischen Ambitionen der jeweiligen Notenbanken entspricht. Die Fed-Vertreter haben deutlich zum Ausdruck gebracht, das Leitzinsniveau von aktuell 1,00% zügig mit zwei oder vielleicht sogar drei weiteren 50-Bp-Schritten in Richtung „neutrales“ Niveau von 2,50% bringen zu wollen. Dieser Pfad ist in den Geldmärkten entsprechend reflektiert. Die Geldmärkte sehen darüber hinaus zwei bis drei weitere 25-Bp-Anhebungen in den restriktiven Bereich hinein – eine Option, die sich die meisten Fed-Vertreter zwar offenlassen, die sie zum derzeitigen Zeitpunkt jedoch auch nicht vehement einfordern. Ähnlich das Bild bei der EZB: Eine erste Zinsanhebung im Juli und zwei weitere 25-Bp-Schritte bis Jahresende auf dann +0,25% gelten sowohl unter den Notenbankvertretern wie auch im Markt mittlerweile als Konsens. Der Markt preist darüber hinaus im kommenden Jahr weitere Anhebungen bis etwa 1,50% ein – ein Pfad, der vonseiten der EZB-Vertreter eher vorsichtig angedacht, nicht aber verbal eingefordert wird. Die weitgehende Übereinstimmung der Marktmeinung mit den Äußerungen der Notenbankvertreter über die Leitzinsentwicklung in den kommenden Monaten sollte es tatsächlich ermöglichen, dass sich die 10J-Renditen in den kommenden Tagen und Wochen auf ihren aktuellen Niveaus plus/minus 20 Bp einpendeln sollten. Stellungnahmen sowohl von Fed-Chef Jerome Powell als auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde heute Abend sollten diese Einschätzung untermauern.

Ein weiteres Abgleiten in EUR-USD wurde unterdessen durch eine recht deutliche Verbalintervention seitens der EZB unterbunden. Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau sagte gestern, „Wir werden die Entwicklung des effektiven Wechselkurses sorgfältig beobachten. Ein zu schwacher Euro würde unserem Ziel der Preisstabilität zuwiderlaufen.“ EUR-USD gelingt es daraufhin, sich oberhalb von 1,04 zu etablieren. Aktuell notiert das Währungspaar bei Kursen um 1,0470.

Am Rohstoffmarkt notiert Brent bei 114-115 USD/Fass auf einem Vierwochen-Hoch, die an der Euronext notierten Weizenpreise haben nach dem Exportbeschränkungen Indiens ein neues Allzeithoch erreicht. Diese Preisentwicklungen sind definitiv nicht „durchwachsen“, sondern vielmehr „ausgeprägt“…

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