Bodenbildung ist eher Theorie als Praxis


Eine kräftige Rallye an den Aktienmärkten verschaffte den Anlegern am Freitag eine dringend herbeigesehnte Atempause. Aber viel Zeit zum Luftholen bleibt nicht, bereits heute früh müssen die Marktteilnehmer wieder eine Reihe schlechter Nachrichten verdauen. Die kommenden Tage bieten vom Daten- und Ereigniskalender her keinen markanten Höhepunkt, aber einen facettenreichen Mix aus Prognoserevisionen, Notenbankverlautbarungen und politischen Abwägungen.

Zwischen 1½% und 5½% ging es mit den Aktienindizes am vergangenen Freitag bergauf. Auslöser für diese Erholungsrallye waren offensichtlich Einschätzungen einiger Marktteilnehmer, der Ausverkauf der vergangenen Wochen könnte nun zu einer Bodenbildung geführt haben. Die Staatsanleiherenditen zogen parallel um bis zu 10 Bp an, und der US Dollar schwächte sich nach einem kurzen Besuch auf einem neuen 20-Jahres-Hoch zum Handelsschluss hin deutlich ab. Inwieweit die „Bodenbildungstheorie“ an den Aktienmärkten in der Realität bestätigt wird, darf aber bereits heute früh wieder angezweifelt werden. Eine Reihe von Daten, Nachrichten und Entwicklungen lässt die Anleger vorsichtig in die Woche starten.

Konkret zeigen sich die Anleger überrascht von sehr schwachen Konjunkturdaten aus China. In den frühen Morgenstunden unserer Zeit wurden für das Land die Zahlen zu den Einzelhandelsumsätzen (‑11,1% ggü. Vj.) und der Industrieproduktion (‑2,9% ggü. Vj.) für den „Lockdown-Monat“ April veröffentlicht. Diese Abschwächung, insbesondere im Einzelhandel, war noch stärker als selbst die pessimistischste Prognose vermuten ließ. Amerikanische und europäische Aktien-Futures, die vor dieser Datenveröffentlichung noch im Plus notierten, knickten daraufhin um rund 1% ein und notieren nun rund 0,5% im Minus.

Ein neuer Belastungsfaktor für die Märkte hat seinen Ursprung in den Rohstoffmärkten. Indien hat angekündigt, seine Weizen-Exporte stark einzuschränken, um die Versorgung der heimischen Bevölkerung sicherzustellen und das lokale Preisniveau zu stabilisieren. Diese Ankündigung erinnert an vergleichbare Maßnahmen Indonesiens. Der Inselstaat hatte vor drei Wochen aus ähnlichen Beweggründen die Exporte von Palmöl reglementiert. „Nahrungsmittel-Protektionismus“ ist zu einem bedeutenden Instrument der Regierungen geworden, mit allerdings gravierenden Folgen für die Preisentwicklung und die weltweite Versorgung. Zwar war der 15%-ige Preissprung für Palmöl Ende April nur von kurzer Dauer, grundsätzlich wird dieser Rohstoff heute aber mehr als doppelt so teuer gehandelt wie vor der Pandemie. Der Weizenpreis kletterte seit der Ankündigung Indiens um mehr als 10%, und auch hier liegen die Börsenpreise aktuell mehr als doppelt so hoch wie Anfang 2020.

Und wo wir gerade die Versorgung mit Rohstoffen thematisieren: Verschiedenen Medienberichten zufolge werden in der zweiten Mai-Hälfte etliche Zahlungen europäischer Energieunternehmen für den Bezug russischen Gases fällig. Russland verlangt die Begleichungen der Rechnungen in Rubel, die EU besteht auf die Zahlung in der den Verträgen zugrundeliegenden Währung, also USD oder EUR. Es wurde in den vergangenen Wochen viel überlegt, wie beide Forderungen unter Einhaltung der Russland-Sanktionen in Einklang gebracht werden können. Die EU Kommission hat am Wochenende ihre Vorgaben für nicht sanktionsverletzende Zahlungsmodalitäten ergänzt, damit nach Einschätzung von Fachleuten aber weiterhin nicht alle Fragen erschöpfend beantwortet. Die Nervosität ist hoch, ob Russland dem einen oder anderen Abnehmer gegebenenfalls den Gashahn zudrehen könnte, wie dies bereits im Falle Polens und Bulgariens geschehen ist. Unsicherheit herrscht im Markt auch darüber, ob die Ambitionen Schwedens und Finnlands für einen raschen Beitritt zum NATO-Verteidigungsbündnis die Tonlage zwischen Russland und dem Westen weiter verschärfen könnte.

Weizen und Gas sind die großen Themen heute früh, während im Tagesgeschäft Einschätzungen vonseiten der Zentralbanken und verschiedene neue Prognosen die Schlagzeilen bestimmen werden. Die EU Kommission wird heute um 11 Uhr ihre Frühjahrsprognose für die Eurozone vorstellen – mit im Vergleich zu Mitte Februar deutlich reduzierter Wachstums- und kräftig anziehender Inflationseinschätzung. Morgen sprechen auf getrennten Veranstaltungen Fed-Chef Jerome Powell und EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Ab Mittwoch diskutieren die Notenbankchefs und Finanzminister der G7-Staaten die Lage. Und am Donnerstag veröffentlicht die EZB den „Account“ ihrer Ratssitzung von Mitte April. In der Summe betrachtet erkennen wir heute früh aber kaum Faktoren, welche die Überlegungen zu einer „Bodenbildung“ in der allgemeinen Marktstimmung fundamental untermauern würden…

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