EUR-USD im Sog der Parität


„Die Marktstimmung ist schlecht. Sehr schlecht.” Diese Einschätzung hätte bis gestern Abend gegen 21 Uhr wohl jeder Beobachter geteilt. Dann aber setzte eine Kurserholung ein, die den S&P 500 Future-Kontrakt bis heute früh um drei Prozent klettern ließ. Insofern erscheint das Marktbild heute Morgen nicht mehr ganz so getrübt wie gestern. Dennoch, die Belastungsfaktoren sind ja nicht von gestern auf heute verschwunden, und die Kurserholung ist beileibe nicht in allen Marktsegmenten erkennbar. Insbesondere im Devisenmarkt zeigen sich auch heute früh noch deutliche Stresssymptome.

Neben den bekannten Belastungsfaktoren (Wachstum, Inflation, Geldpolitik) sorgten gestern mindestens drei weitere Entwicklungen für zusätzliche Anspannung in den Finanzmärkten: Erstens sehen wir in Teilbereichen der Kryptowelt eine Zäsur. Zweitens verursachten begrenzte Ausfälle bei den russischen Gaslieferungen nach Deutschland für einen zeitweiligen Anstieg der Gaspreise um mehr als zwanzig Prozent (wovon am Ende des Tages noch etwa die Hälfte verblieb). Und drittens verursachten Prognosen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA) einen steilen Anstieg der Weizenpreise an den US-Börsen. Die USDA erwartet für die kommende Saison das geringste Weizenangebot seit sechs Jahren, unter anderem weil die Weizenernte in der Ukraine um ein Drittel geringer ausfallen dürfte als im vergangenen Jahr. In diesem Umfeld waren überraschend pessimistische Wachstumsprognosen des Institutes of International Finance (IIF) sicherlich nicht hilfreich. Die Vereinigung von rund 450 Finanzunternehmen erwartet für die Weltwirtschaft in diesem Jahr faktisch ein Nullwachstum, in welchem die globale Wirtschaftsleistung Ende 2022 mehr oder weniger genauso hoch sein wird wie Ende vergangenen Jahres. Die Eurozone würde demnach in der zweiten Jahreshälfte in eine Rezession rutschen, so das IIF.

Stärkster Profiteur der insgesamt angespannten Stimmungslage ist – wie so häufig – die amerikanische Währung. Der EUR-USD-Wechselkurs unterschritt am Vormittag die Marke von 1,05 und am Nachmittag auch noch die Schwelle von 1,04, wo sich das Währungspaar aktuell einpendelt. Möglicherweise könnte der Euro in den kommenden Wochen die Parität zum Dollar testen. Die ausgeprägte Risikoaversion, der steile Straffungspfad der Fed, die stärkeren Wachstumsrisiken für die Eurozone und die hohe Volatilität an den Finanzmärkten sind alles Faktoren, die kurzfristig für ein weiteres Abgleiten in EUR-USD sprechen. Auf mittlere Sicht sollte ein verbessertes Stimmungsbild und der Beginn der Leitzinsanhebungen durch die EZB zu einer Erholung in EUR-USD führen.

Die Parität bereits erreicht hat der USD-CHF-Wechselkurs, erstmals wieder seit 2019. Tatsächlich gibt es auch Vermutungen, selbst Cable könnte auf Parität abgleiten. GBP-USD wird gegenwärtig von beiden Seiten in die Zange genommen: Auf der einen Seite haben wir den starken USD. Auf der anderen Seite leidet das Pfund unter akuten Rezessionsbefürchtungen, die durch eine Reihe von Konjunkturdaten gestern neue Nahrung erhielten. Gleichzeitig sprechen sich Vertreter der Bank of England für weitere Leitzinsanhebungen aus, um die Inflationsrate, die in den zweistelligen Bereich zu klettern droht, in den Griff zu bekommen. Dies würde die Konjunktur jedoch noch stärker belasten. Wir erwarten daher nur noch eine weitere Zinsanhebung, was dem Pfund wegen des sich damit ausweitenden Zinsdifferentials zu den USA jedoch auch nicht helfen würde. Aktuell notiert Cable bei 1,22, im Februar dominierten noch Kurse um 1,35. Die Marke von 1,20 gilt als nächste kritische Schwelle. Die Parität ist freilich noch weit entfernt, aber allein schon die Tatsache, dass im Markt bereits jetzt über ein solches Szenario diskutiert wird, zeigt, wie skeptisch die Händler den Ausblick für das Pfund sehen.

In den beschriebenen Wechselkursen sehen wir heute früh allenfalls eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau, nicht jedoch eine nennenswerte Erholung. Die gibt es vor allem in den Aktienmärkten, wo der STOXX Europe 600 beispielsweise mit Gewinnen von 0,6% in den Handel startet. Das sich aufhellende Marktumfeld sorgt am Rentenmarkt für einen Renditeschub, bei aktuell rund 2,90% (10J UST-Rendite) bzw. 0,90% (10J Bundrendite) bewegen wir uns jedoch noch rund 30 Bp unter den jeweiligen Höchstständen, die am vergangenen Montag erreicht worden waren. Nach einem vom Datenkalender her recht ereignisarmen Freitag beginnt die kommende Woche gleich Montagfrüh mit einem Bündel von Konjunkturdaten aus China. Diese Daten dürften wegen der jüngsten Lockdownmaßnahmen eher schwach ausfallen, womit schon jetzt zu befürchten ist, dass das aktuelle Stimmungshoch nur von kurzer Dauer sein könnte…

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