Fed definiert Geldpolitik für die nächsten Monate


Die amerikanische Notenbank erfüllte gestern die allgemeine Erwartung im Markt mit einer Leitzinsanhebung um 50 Bp auf 1,00%. In der Kernfrage einer möglichen Anhebung um sogar 75 Bp in den kommenden Monaten widersprach der Fed-Vorsitzende Jerome Powell jedoch recht deutlich. Dies verschaffte dem Rentenmarkt in kurzen und mittleren Laufzeiten eine Erholung, wo die Renditen um bis zu 15 Bp zurückgingen. Das wiederum begrüßten auch die Aktienmärkte, die in den USA mit Gewinnen von rund 3% schlossen. Und dies wiederum schlägt heute früh an den europäischen Märkten durch, wo DAX & Co zu Handelsbeginn um bis zu 2% zulegen können. Auch EUR-USD kann sich etwas erholen und handelt aktuell um 1,06, rund einen Cent höher als vor 24 Stunden. Heute wird es in Europa jenseits der Eurozone eine Reihe von Zinsanhebungen geben. Vonseiten der EZB gilt das Augenmerk vor allem einer Rede des Chefökonomen Philip Lane um die Mittagszeit herum.

Die gestrige Anhebung des Leitzinskorridors um 50 Bp auf 0,75-1,00% durch die Fed war die größte ihrer Art seit Mai 2020. Allerdings war der Schritt kommunikativ sehr gut vorbereitet, und so war wohl niemand im Markt wirklich überrascht. Eine wichtige Frage im Vorfeld der FOMC-Entscheidung war allerdings, ob die Notenbank auf einer ihrer nächsten Sitzungen sogar eine Zinsanhebung um 75 Bp in Erwägung ziehen könnte. Powell legte diese Diskussion jedoch ad acta, indem er meinte, einem solchen Schritt würde innerhalb des Offenmarktausschusses (FOMC) derzeit nicht aktiv nachgegangen.

Neben der Zinsentscheidung verkündete die Fed auch den Beginn des „Quantitative Tightenings“, also des schrittweisen Abbaus ihrer Bilanz, auf der sich Wertpapiere im Wert von rund 9 Billionen US Dollar häufen. Gelder aus fällig werdenden Papieren werden ab Juni nicht mehr angelegt, sofern nicht gewisse Grenzen überschritten werden. Diese Grenzen liegen in den Monaten Juni, Juli und August bei maximal 30 Mrd. USD für US Staatsanleihen und 17,5 Mrd. USD für hypothekenbesicherte Papiere (Mortgage-Backed Securities, MBS). Ab September werden diese Grenzen verdoppelt, so dass die Zentralbankbilanz ab dann pro Monat um bis zu 95 Mrd. USD verkürzt werden kann.

Die Marktteilnehmer nahmen die Beschlüsse des FOMC sowie die Einlassungen Powells mit Erleichterung zur Kenntnis. „Es hätte heftiger kommen können“, hieß es, insbesondere mit Blick auf mögliche Zinsanhebungen um 75 Bp. Und so stiegen die Kurse sowohl im Rentenmarkt wie auch an den Aktienmärkten, während der US Dollar etwas Federn lassen musste. In allen drei Marktsegmenten dürfte es sich aber nicht um den Beginn einer Trendwende handeln, sondern lediglich um eine kurzzeitige Gegenbewegung nach den doch recht scharfen Kursbewegungen in den vergangenen Wochen.

Der weitere Prozess der geldpolitischen Straffung in den USA ist nun noch deutlicher definiert: Nach ein oder zwei weiteren Anhebungen um jeweils 50 Bp dürfte die Fed wohl auf 25 Bp-Schritte verlangsamen, was den Leitzins bereits innerhalb von rund sechs Monaten auf „neutrales“ Niveau bei 2,50% bringen würde. Ob und inwieweit dann weitere Anhebungen in den „restriktiven“ Bereich vom Inflationsausblick her erforderlich und vom Wachstumsausblick her angemessen sein werden, wird die Zeit zeigen. Dies wird fortan auch Gegenstand der alltäglichen Diskussionen im Markt sein, aber für den Zinspfad im nächsten halben Jahr gibt es recht wenig Unsicherheiten.

Ganz anders die Situation mit Blick auf die Europäische Zentralbank: Wann wird der Leitzins das erste Mal angehoben? Vermutlich im Juli oder im September, aber bis dahin kann noch sehr viel passieren. Wie schnell wird die EZB die Leitzinsen anheben, so sie denn einen Anhebungszyklus startet? Wahrscheinlich mit Schritten von 25 Bp pro Quartal, aber vielleicht auch doppelt so schnell mit 25 Bp pro Sitzung. Und bis auf welches Niveau wird die EZB den Leitzins anheben? Zwischen 0,00% und 2,00% scheint alles möglich zu sein, das hängt natürlich von der weiteren Inflations- und Konjunkturentwicklung ab. Heute Mittag spricht EZB Chefvolkswirt Philip Lane. Möglicherweise könnten seine Aussagen mehr Licht in die Frage des möglichen Beginns des Zinsanhebungszyklus bringen.

Andere Zentralbanken in Europa befinden sich bereits mitten im Zinsanhebungszyklus. Die Bank of England wird ihren Leitzins heute wohl um 25 Bp auf 1,00% anheben, die tschechische Notenbank um 50 Bp auf 5,50% und die polnische Zentralbank um sogar 100 Bp auf ebenfalls 5,50%. Der Leitzins der EZB steht noch bei ‑0,50% – was verdeutlicht, wie unterschiedlich die geldpolitischen Wege selbst bei räumlicher Nähe sein können…

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